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Schon gelesen, dass...

... beim Springer-PS-Blatt Auto-Bild der Haussegen schief hängt, weil Verlagsleiter Hans H. Hamer seine Redakteure zu Hybridjournalisten degradieren will und sie mit „Setzten, 6“ abkanzelt?

 

Die Meldung

„Wenn das der Mathias Döpfner wüsste...“ Solch ein Gedanke durchzuckte sicher so manches Gutmenschen-Gehirn im Axel-Springer-Konzern, als er das Wort „Hybridjournalismus“ vernahm oder in dossierB darüber las. Aber wer weiß schon, wer was weiß – im Zweifelsfall heißt man halt Hase – und nicht Mathias Döpfner und schon gar nicht Dr. Hans H. Hamer. Von dem soll nämlich das Wortkonstrukt stammen, das den Zwitter aus recherchierendem Redakteur und akquirierendem Koofmich beschreibt. Aber nicht erst seit dieses Unwort innerhalb und außerhalb der Springer-Redaktionen die Runde macht, müsste Hamer eigentlich jeden Morgen, nachdem er seinen Dienstwagen in der Tiefgarage geparkt hat, zehn Stockwerke mit dem Aufzug nach oben gondelt und bei jedem, der zusteigt oder den er auf den Fluren erblickt, das Gefühl befallen haben, nicht sonderlich gelitten zu sein. Denn der Verlagsgeschäftsführer der Springer-Zeitschriftengruppe Auto, Computer und Sport hat auch schon vor der Erfindung des „Hybridjournalisten“ nichts ausgelassen, was seine Sympathiewerte in den Augen seiner Untergebenen weiter verschlechtern konnte. So kanzelte er zum Beispiel kürzlich während einer Konferenz der Gesamtredaktion – vom Chefredakteur bis zum Volontär – die Truppe pauschal mit dem Urteil ab: Setzen, sechs!“. Für hochgesteckte Karriereziele muss man halt schon mal harte Kante zeigen. Will heißen: Es hatte Hamer offensichtlich nicht genügt, Springers traditionsreiches Blatt „Auto Bild“ von Unternehmensberatern zerstückeln zu lassen, seine Fotospezialisten rauszuschmeißen und die Redaktion bis in die unterste Hierarchiebene für seine Zwecke einzuspannen – nein: der Hybridjournalist soll nun auch noch zur Gewinnmaximierung beitragen (siehe dossierB Nr. 15/2017). Damit setzte er die Redaktion einem veritablen Shitstorm aus und gab sie der Lächerlichkeit preis. Dabei haben die meisten der Hamburger Autotester noch immer genug kritisches Blut in den Adern – wenn man sie denn machen ließe. Zumal in Zeiten von VW-Abgasskandal und „Lügenpresse“-Rufen zeugt der unverblümte Versuch, die Grenze zwischen Redaktion und Werbung demonstrativ aufzubrechen, nicht von Chuzpe, sondern von professioneller Ahnungslosigkeit. Auf den Fluren der Redaktion herrscht Ratlosigkeit. Da helfen auch die beschwichtigenden Worte von autobild.de-Chefredakteur Boris Pieritz nicht, sein Stellvertreter und Duz-Kumpan Robin Hornig sei „falsch verstanden worden“, als er verkündete, dass seine Online-Schreiber in Zukunft auch auf der Marketing-Seite Gas geben müssten, weil Reichweite und Klickzahlen stagnierten. Hornig hatte das potenzielle Unwort des Jahres 2017 erstmals vor Publikum ausgesprochen. Der schwere Stein plumpste ins Wasser, zog Kreise. Und jetzt fragen sich viele, wessen Fuß daran vertäut sein könnte. Denn noch könnte Hans H. Hamer das Kunststück gelingen, ein Bauernopfer zu finden. Und so seinen Traum am Leben erhalten, eines Tages in den Springer-Vorstand befördert zu werden. Es wäre ihm vergönnt, ginge es nicht um mehr als um Eitelkeiten und Selbstüberschätzung – sondern um die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche. Wo bliebe der seriöse Journalismus, wenn die eifrigen Messe-Berichterstatter von autobild.de auf dem Autosalon neben der Sitzprobe im neuen C-Klasse Cabriolet auch noch schnell ein bezahltes Super-Special bei Daimler an Land zögen? Offenbar traut Hamer seinen Lesern und Usern nicht zu, zwischen objektiven Tests und Reportagen einerseits und Werbung andererseits unterscheiden zu können – bezahlen sollen sie für seine Autoprospekte auch noch. Dabei zeigt die Erfahrung längst, dass die Leser Qualitätsmängel und dünnen Content auf Dauer nicht tolerieren. Seit Jahren geht bei „Auto Bild“ und ihrem Online-Ableger Auto-Kompetenz verloren, weil Personen auf der Schnellspur zu Digital-Chefredakteuren befördert werden, solange sie keine Widerworte geben und ein MacBook aufklappen können. Und jetzt kommen wir wieder zu Mathias Döpfner, dem Bannerträger des Qualitätsjournalismus und der Compliance im Hause Springer. Ist er schon so weit entrückt, dass ihn das profane Treiben auf dem Shopfloor nicht mehr erreicht? Oder will er schlicht nicht zur Kenntnis nehmen, dass auch bei Springer frei nach Bert Brecht erst das Fressen und erst dann die Moral kommt? Einige Hinweise sprechen für Letzteres: Hamer soll die Kennzahlen aufpolieren und „Auto Bild“ für den Verkauf aufhübschen. Publikumszeitschriften gehören längst nicht mehr zum Kerngeschäft von Springer. Im Print-Bereich konzentriert sich der Verlag auf die blaue und die rote Gruppe, also „Welt“ und „Bild“. Der Flurfunk will wissen, dass der Verkauf des wöchentlich erscheinenden Vollgas-Blatts im Rahmen des 920-Millionen-Euro-Zeitschriftendeals zwischen der Funke Mediengruppe und Springer nur am Kaufpreis für das nach wie vor hochprofitable Automagazin (verkaufte Auflage laut IVW 391936 Exemplare) gescheitert ist. Unter diesem Aspekt hätte Hamer seine Vision vom „Hybridjournalisten“ ganz bewusst laut aussprechen lassen können. Weil er Größeres vorhat und inzwischen autonom agieren darf, um die Auto Bild-Gruppe für die Zeit nach Springer aufzustellen. Dabei wird seit Längerem die eigene Compliance durch den Einsatz von „Freien“ umschifft – offizieller Pressekodex hin, Verhaltensmaßregeln des eigenen Konzerns her. Aber möglicherweise fühlt sich Döpfner angesichts der erheblichen Unruhe im Haus und der schwindenden Relevanz des Flaggschiffs „Bild-Zeitung“ inzwischen doch persönlich angefasst. Wenn es denn göttliche Vorboten gäbe, könnte dies einer gewesen sein: Auf der Bodensee Klassik, der hauseigenen Auto-Bild-Oldtimer-Rallye, juckelte „Hänschen Klein“, wie Hamer hausintern hinter vorgehaltener Hand bespöttelt wird, in einer Giulietta Spider über Alpenpässe – bis zum Totalausfall. Diesmal war‘s nur der des Alfa.

 

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